Amador in Mannheim (11P/15P)

Die Strecke vom Schwarzwald nach Mannheim ist kurz. Ich komme am frühen Nachmittag in der Stadt der Quadrate an und beziehe ein scheußliches Zimmer eines Business-Hotels in einer scheußlichen Gegend nahe dem Restaurant Amador. Ringsum findet sich Gewerbe. Rauchende Schlote ragen in der Ferne in den Himmel. Naja, irgendwo muss ja das Geld verdient werden, das im Schwarzwald ausgegeben wird.

Meine badisch schwätzende Taxifahrerin bringt mich dann am Abend in das abgelegene Restaurant Amador, wobei sie sich auf der 10-minütigen Fahrt sogar verfährt, so leicht ist das Restaurant zu übersehen. "Hier ist ja gar nichts los. Sind Sie sicher, dass es geöffnet ist?" fragt sie mich. Wäre meine Reservierung nicht heute telefonisch bestätigt worden, hätte ich mich das auch gefragt. Die Tür ist geschlosssen, wie man auf dem schlecht belichteten Foto (nicht das letzte in diesem Beitrag) erkennt.

Eingang

Hinter der geöffneten Tür wartet aber bereits eine Dame, die mich freundlich begrüßt und zu meinem Platz bringt.

Der Speiseraum ist dann sehr geräumig und "interessant" dekoriert. Die Röhren erinnern mich an Stabmuscheln auf LSD. Ich bin der erste Gast am Abend. "Einer muss ja beginnen." werde ich belehrt.
Speiseraum

Ich sitze etwas verloren in der riesigen weißen Halle. Glücklicherweise folgt ziemlich rasch ein Glas Rosé Champagner und die ersten Grüße aus der Küche, hier orientalisch als "Mezze" bezeichnet. Ich werde dann relativ lange komplett alleine gelassen, so dass ich einigen Schabernack hätte anstellen können.

Eine Anmerkung zur Fotoqualität: Leider sind die Tische extrem schlecht ausgeleuchtet. Ich habe mir alle Mühe gegeben die Speisen im wahrsten Sinne des Wortes ins rechte Licht zu rücken, aber selbst für meine eigenen Augen war es am Tisch zu dunkel. Ich finde es schön, wenn ich sehe, was ich esse.

Punktesystem nach Schulnoten der Oberstufe:  
15P = 1+, 14P = 1, 13P = 1-, 12P = 2+, ...  

Es geht los mit einer leicht marinierten Garnele dazu Oliven und das Innenleben einer grünen Tomate. Ich kenne Leute, die das Innenleben verabscheuen ("iiiih, glibberig") und somit an diesem Teller keine Freude hätten, da die Tomate die Garnele an die Wand spielt. Alles ruht in einem feinen Sud. Die grüne Tomate mit der weichen, weil fast noch rohen Garnele, der Sud und die Oliven passen sehr gut zusammen. Ein schöner Auftakt. 13P.
Mezze 1

Weiter geht es mit einer Muschel (ich habe die exakte Sorte vergessen, es war eine mir unbekannte Muschel) in einer Muschelschale aus "Soja und Tofu" (ist Tofu nicht auch Soja?), also essbar. Das Gericht war eiskalt. Sicherlich so gewollt, aber es hat daher wenig geschmackliche Nuancen zeigen können. 8P.

Mezze 2

Als vorletzter Gruß bzw. "Mezze" (was ist der Singular?) ein Salat mit türkischem Schinken (mir wurde verschwiegen, ob es sich um Schweineschinken handelt, aber vermutlich nicht). Knackig, salzig, gut. 10P.

Mezze 3

Schließlich ein Halbmond-Cracker in Anspielung auf die orientalische Namensgebung der Snacks mit Sardine. Der Cracker war etwas schwierig zum Mund zu führen. Als Fingerfood nicht geeignet, aber mit Messer und Gabel war es ebenso schwierig. Im Mund jedenfalls kann der Halbmond überzeugen. Passt alles gut zusammen und mir gefällt Sardine als Zutat im Allgemeinen sehr. 11P.

Mezze 4

Nach den "Mezze" wird mir ein "Brief aus der Küche" zugestellt, dessen Siegel ich unter Argusaugen des Services etwas ungeschickt aufbreche. Das Buttermesser wollte ich nicht gerade als Brieföffner missbrauchen. Im Brief befindet sich wie zu erwarten das Menü, das keinerlei Wahlmöglichkeiten zulässt (ok, die Option auf drei Gänge zu reduzieren ist wohl eher pro forma aufgeführt). Zumindest für die Weinbegleitung darf ich mich "entscheiden". Diese Entscheidung werde ich am Ende des Abends nicht bereuen! Jedes Glas aus Spanien, passend und geradlinig. Danke an den Sommelier.

Der erste Gang Kaisergranat mit Gurke und Dill folgt ziemlich nahtlos. Ich bin immer noch der einzige Gast und habe mittlerweile Bammel, dass ich auch der einzige bleiben werde. In der herrlichen Kaltschale von Gurken und Dill liegen noch zwei Würfelchen geeiste Beurre blanc (die klassische französische Basissauce), die langsam schmelzen und sich wunderbar mit der Kaltschale verbinden. Der Kaisergranat selbst ist perfekt gegart und schmeckt wunderbar. Das Gurkenwasser löst Kindheitserinnerungen an Omas Gurkensalat aus. 13P.

Kaisergranat

Mittlerweile sind wir immerhin drei Gäste: ein Paar wird zum Tisch begleitet.

Es geht Schlag auf Schlag weiter. Mich erreichen Jakobsmuscheln mit Blumenkohl und Turon. Mir wird "Turon" erläutert: ein Mandelnougat. Es finden sich auch einige weitere Mandelblättchen auf den Jakobsmuscheln, die wiederum von Petersilienöl und einer feinen Sauce begleitet werden. Außerdem auf den Muscheln: "Blumenkohlcouscous", das aus winzigen, knackigen Röschen vom Blumenkohl besteht. Ich frage nach, was die kleinen Plättchen, die ich nicht richtig identifizieren kann, denn sind? Vom Rand der ausgestochenen Jakobsmuschel wird eine Farce zubereitet, die dann einige Stunden getrocknet und anschließend wieder zu den Plättchen zusammengefügt wird. Fazit: an diesem Gericht passt alles fein zusammen und löst Wohlbefinden aus. 14P.

Jakobsmuschel

Vor der Entenleber mit roter Beete, Sardelle und Holzkohleöl wird eine Art Entenleber-Bonbon kredenzt, welcher einen Entenleber-Schaum freigibt, wenn die Rote-Beete-Hülle geknackt ist.

Entenleber-Bonbon

Die Entenleber wird als Mousse im Amador-Logo-Optik serviert. Das ist ein netter Gag, aber die Mousse schmeckt nicht. Sowohl die Textur, als auch der Geschmack lösen nicht die Glücksmomente aus, die ich erwartet habe. OK, es ist ja auch keine Stopfleber. Aber es fehlen einfach Schmelz und Süße, vorallem Süße, denn die Rote Beete ist erfreulicherweise erdig und sehr zurückhaltend sauer und süß. Da wäre eine süßere Mousse doch ganz passend? Unter der Roten Beete verstecken sich übrigens kleine Stücke von der Sardelle. Wegen der äußerst schwachen Mousse: 6P.

Entenleber

Glücklichweise kommt jetzt ein fantastischer Seehecht mit Aubergine und Lustenauer Senf. Kleine Scheiben von der Aubergine, verschiedene Cremes und knusprige Kügelchen vom "Lustenauer Senf" spielen herrlich zusammen. Dazu eine unglaublich süffige Venus-Muschel-Sauce. Der Hecht selbst ist perfekt gegart und schmeckt in Verbindung mit den übrigen Zutaten einfach gut. Sehr geiler Dorsch! Äh...sehr geiler Hecht! 15P.

Seehecht

Es trifft ein weiteres Paar ein, welches wie alte Bekannte empfangen wird. Der Sommelier plauscht in sehr sicherem Spanisch mit den beiden Gästen. Lustig. Mehr als fünf Gäste werden wir heute aber nicht mehr.

Es folgt nun der Hauptgang, nämlich "Spessart" Reh mit schwarzen Oliven, Ananas und Haselnuss. Der Rehrücken ist mit einer Brotkruste ummantelt und muss sich dem gnadenlosen Vergleich mit dem Rehrücken aus der Bareiss-Jagd stellen und verliert eindeutig. Irgendwie ist das Fleisch fast zu weich und eben nicht zart. Das ist etwas befremdlich. Die Zusammenstellung mit der Ananas überzeugt ebenfalls nicht besonders, ist auf der anderen Seite aber auch nicht schlecht. Haselnuss und Brotkruste geben gute Kontrapunkte zur Ananas. 10P.

Rehrücken

Es geht weiter mit dem ersten Dessert: Weisser Pfirsich mit Estragon und Gewürzcafé. Der Legostein ist der Gewürfcafé und ist schön in Optik und Geschmack. Dazu weisser Pfirsich als Eis und ein paar Krümel. Generell finde ich Dessertkrümel oft nicht besonders gut, da sie das Dessert relativ schnell staubig machen können. Hier gefallen sie mir aber. Der Estragon passt auch gut und nimmt etwas Süße. 11P.

Weisser Pfirsich

Schließlich die "Milchbar", nämlich Gorgonzola, Joghurt und Kokos. Wird es ein Käsegang oder ein Dessert? Der Blauschimmel findet sich in den dreieckigen "Spalten" wieder. Im Endeffekt eine Art weiße Gorgonzola-Schokolade. Pur gegessen ist der Gorgonzola gewöhnungsbedürftig, aber in Verbindung mit den anderen Zutaten, dem Schäumchen, der leckeren, knusprigen Milchhaut (hasst nicht eigentlich jeder die Haut auf warmer Milch oder Pudding?) und den Kokos-/Joghurtbällchen schmeckt es ganz hervorragend. 12P.

Milchbar

Zum Abschluss ein doppelter Espresso Macchiato und "Pequenas Locuras": süße Kleinigkeiten. Diese Miniatur-Kunstwerke stellen einen Waldspaziergang nach und beeindrucken mich durch ihre Optik. Aber richtig toll schmecken weder der "Stamm" noch das "Pilzwäldchen", das mich besonders irritiert. Der "Stein" mit "Schokoladen-Ast" schmeckt dagegen gut und es macht Spaß ihn zu knacken und das Sorbet freizulegen. Insgesamt 9P.

Pequenas Locuras 1 Pequenas Locuras 2 Pequenas Locuras 3 Pequenas Locuras 4

Der Abend ging schnell vorbei und war auch tatsächlich kurz, denn im Restaurant Amador herrscht gnadenlose Effizienz. Zeit zum Innehalten war nicht wirklich da, aber dazu luden auch weder die Gerichte (bis auf eine Ausnahme) noch die kühle Atmosphäre ein. Dennoch war der Besuch ein großes Erlebnis, denn die Gerichte sind wahre Kunstwerke.

Subjektive, zusammenfassende Bewertung

Gerichte mit 15P zählen doppelt.  
GewichtungØ Punkte
Grüße aus der Küche / Snacks 0,5 10,5
Vorspeisen 2 12,60
Hauptspeisen 1 10
Nachspeisen 1 10,67
Service & Ambiente 1 9
Gesamtwertung 10,93P -> 11P

Informationen zum Restaurant

RestaurantRestaurant Amador
Websitewww.restaurant-amador.de
KüchenchefJuan Amador
AdresseFloßwörthstraße 38, 68199 Mannheim
Datum des Besuchs
Guide Michelin* * *
s Bewertung11P