Gourmetrestaurant Lerbach in Bergisch Gladbach (13P/15P)

Ich fahre möglichst früh aus Mannheim in Richtung Bergisch-Gladbach, nahe Köln, das ich bisher nur als Heimatbezirk von Wolfgang Bosbach kannte. Am Ziel fahre ich durch ein äußerst gepflegtes Parkgelände zu einem süßen Schlösschen, in dem sich das Restaurant Lerbach befindet, das ich heute Abend besuchen werde. Ich trete in das Hotel ein und bin irritiert. Es riecht ziemlich stark nach Pommes-Bude. Später an der Bar weiß ich, warum: es werden Pommes und Burger einigen hungrigen Bar-Gästen serviert.

Schloss Lerbach

In das zweibesternte Gourmetrestaurant haben sich glücklicherweise keine Schwaden verirrt. Das Restaurant ist voll besetzt mit Grüppchen unterschiedlicher Couleur: ältere Paare, lustige Freundesgruppen, Geschäftsleute und sogar ein junges Ehepaar mit schlummerndem Kleinkind im Kinderwagen. Was für eine angenehme Abwechslung zum Amador.

Es folgen die ersten Häppchen im "Drei-Sterne-Restaurant der Herzen". Dazu (keine Überraschung) ein sehr schöner Rosé Champagner, dessen besonderes Herstellungsverfahren mir vom Sommelier erläutert wird und ich somit doch meine Entscheidung für einen deutschen Winzerersekt revidiere.

Punktesystem nach Schulnoten der Oberstufe:  
15P = 1+, 14P = 1, 13P = 1-, 12P = 2+, ...  
  • Links Chicoree mit Grapefruit. Beides bitter und zusammen sehr lecker. 13P.
  • Rechts Mangold mit ... habe ich vergessen. War aber auch nicht so super. 9P.

Häppchen

Anschließend ein Amuse-Gueule, ein Dreierlei von der Paprika.

  • Links Paprika mit Kartoffel. Sehr schön zusammen. Man spürt etwas Schärfe heraus. 14P.
  • In der Mitte Rotbarsch. Warm und und sogar etwas knusprig. Für ein Amuse daher schon recht aufwändig. Und wohlschmeckend. 13P.
  • Rechts Stubenküken in einem wunderabren Hühnerfond. 14P.

Paprika

Mir wird vom ausgesprochen freundlichen und lockeren Service der erste Gang des Menüs gebracht. Ich habe das Degustationsmenü gewählt, allerdings ist Küchenchef Nils Henkel gerade für sein rein vegetarisches Menü bekannt. Ich frage nach, wie dies von den Gästen angenommen wird und erhalte die Auskunft, dass im Schnitt 20% das vegetarische Menü wählen. Ich bin neugierig und lasse den Wildgang weg und baue stattdessen zwei vegetarische Gerichte ein. Komplett vegetarisch will ich aber eben nicht bleiben, denn man weiß ja: "No great story ever started with somebody eating a salad."

OK, nun zum Gericht: Confierter Fasan mit Entenleber und Waldorfsalat. Der Waldorfsalat ist schön in seine einzelnen Bestandteile aufgeteilt, dazu der feine Fasan und die Walnüsse, die keine sind. Es ist nämlich die Entenleber. Im Bonbon befindet sich ein herzhaftes Ragout vom Fasan. Echte Walnüsse fehlen aber dennoch nicht, sie kommen in Form einer Walnuss-Brioche.
Mir gefällt das Gericht, es ist nicht zu süß und schön frisch für einen Entenleber-Gang. Richtig vom Hocker reißt er mich aber auch nicht. 11P.

Waldorfsalat

Weiter geht es mit dem ersten Gang aus dem vegetarischen Gericht. Burrata mit Nudeln, Zwiebeln und Gundermann. Gundermann ist ein Kraut, das sich als frische Blätter und als grüne Creme auf dem Teller wiederfindet. Mir war das Kraut vorher nicht bekannt, es schmeckt frisch und herb und passt sehr gut zu den Röst- und süß-sauren Zwiebeln. Dazu gesellen sich noch geschmorte und rohe Champignons. Die Burrata selbst ist sahnig-cremig und die handgerollten Nudeln sind perfekt al dente gegart. Sowieso gefällt mir, dass auch einmal mit Nudeln gearbeitet wird. Ein herrliches Gericht. 14P.

Burrata

Es geht weiter mit Jakobsmuschel, Löjromkaviar, Blumenkohl und Oxalis. Wieder erfahre ich etwas neues, Oxalis ist nämlich Sauerklee. Blumenkohl und Jakobsmuschel ist ein alter Hut, aber ein bewährter Hut, denn es passt halt einfach schön zusammen. In der Creme verbergen sich schwarze Samen einer Pflanze, die ich gerne näher bennen würde, denn sie gefallen mir als Komponente sehr gut. Ein süffiges Gericht. 13P.

Jakobsmuschel

Mir wird die Sardine Escabeche serviert. Die Sardine kommt nicht als winziges, würzendes Element daher (wie bspw. bei Amador), sondern als wirklich großes Stück. Das ist aber wunderbar, denn die Sardine kann zarter nicht sein (aber eben nicht weich!) und weder zu salzig noch zu sauer. Dazu gibt es wieder leckere Paccheri-Nudeln, Kapern, Zitrone und ein Sud von gerösteten Zwiebeln. Das passt richtig gut zusammen und ich leere den Teller in Windeseile. Lediglich die Bubble-Tea-Bällchen aus dem Sud sind irgendwie überflüssig. 14P.

Sardine

Nun das Tobinambur-Müsli. Unter den Albatrüffeln verbergen sich ein pochiertes Wachteleigelb sowie ein Bircher-Müsli aus Getreidesorten und Topinambur. Außen herum eine sehr schön leichte Topinamburmilch. Mir gefällt das Gericht sehr gut und löffle genüsslich. 14P.

Topinamburmüsli

Nun kommt ein Klassiker der amerikanischen Küche, nämlich ein Caesars Salad. Eine Parmesan-Creme umschließt verschiedene bunte Kartoffelsorten. Obenauf der Romana-Salat. Das ganze ist unfassbar süffig und toll. Weil der Parmesan, vorallem in der Form als warme Creme, doch ziemlich deftig ist, wird als Erfrischung noch ein Shot von Romanasalat-Saft gereicht. Gute Idee.

Nach diesem zweiten, grandiosen Gang aus dem vegetarischen Menü habe ich Zweifel, ob ich nicht doch das komplette vegetarische Menü hätte wählen sollen. Vielleicht gibt es ja doch great stories, die mit einem Salat starten, wenn es denn dieser Caesars Salad ist. 14P.

Ceasars Salad

Shot

Nun folgt mein "Hauptgang", welcher eigentlich im Degustationsmenü der zweite Gang ist, nämlich Felsenrotbarbe. Dazu gibt es Kichererbsen und Sesam in Form von ganzen Erbsen, Creme und einem Falafelbällchen. Glücklichweise schmeckt das nicht nach Dönerbude, sondern der betörende Duft schickt einen unvermittelt nach Nordafrika. Dazu gibt es knackige "Ur-Gurken", die nach einer Mischung aus Gewürzgurke und Grüner Tomate schmecken. Witzig und sehr schmackhaft. Die Rotbarbe selbst ist gut gegart und ruht in einem Vadouvan-Sud, eine orientalische Gewürzmischung. Nur die Haut ist ein bisschen "labbrig", was zu einem Punkt Abzug führt. 13P.

Rotbarbe

Jetzt folgen die Desserts. Ich verzichte auf einen Käsegang. Als erstes bekomme ich Fingerlimes von Tomatillo, verwandt mit der Physalis. Ein erfrischendes Joghurteis ruht auf Quinoa, was ich bisher nur aus unsäglichen, veganen Weltverbesser-"Restaurants" kenne. Aber hier passt das richtig gut als Kontrast zu den ansonsten ausschließlich weichen (bis auf den Cracker obenauf) Komponenten des Tellers. Insgesamt ist mir das Gericht zu sauer. 11P

Fingerlimes

Als letztes Dessert nun Geschmorte Quitte, was etwas ungeschickt benannt ist. Der Star des Gerichtes ist nämlich Mais in Form von weißem Schaum, als Eis und als Chip. Dazu Vogelmiere als Schwämme und Cremes sowie eine Kugel Karamellschokolade. Der Mais ist intensiv süß und schmeckt mit der Schokolade und der Quitte herrlich und kein bisschen nach Popcorn, sondern eben nach Mais. Schöne Nachspeise. 14P.

Mais

Zum Abschluss folgen ein paar Pralinen und ein dichter Kokosschaum mit Crumbles, der gut schmeckt, aber den man so auch beim Italiener bekäme.

Zusammenfassend muss ich sagen, dass mich heute Abend kein einziges Gericht enttäuscht hat, aber mir fehlt ein 15P-Gericht. Vielleicht sind die Kompositionen von Nils Henkel insgesamt wohl etwas zu "gefällig". Dennoch ein wunderbarer Abend!

Ulrikentortenschaum

Subjektive, zusammenfassende Bewertung

Gerichte mit 15P zählen doppelt.  
GewichtungØ Punkte
Snacks 0,25 11
Grüße aus der Küche 0,5 13,67
Vorspeisen 2 13,2
Hauptspeisen 1 13,5
Nachspeisen 1 12,5
Service & Ambiente 1 12
Gesamtwertung 12,87P -> 13P

Informationen zum Restaurant

RestaurantGourmetrestaurant Lerbach
Website(geschlossen)
KüchenchefNils Henkel
AdresseBergisch-Gladbach
Datum des Besuchs
Guide Michelin* *
s Bewertung13P