la vie in Osnabrück (12P/15P)

Nach einem spannenden Abend in der VW-Stadt Wolfsburg fahre ich ins niedersächsische Osnabrück, das nicht weit entfernt ist. Der Taxifahrer ermutigt mich zu einem Spaziergang durch die Altstadt, den ich am Abend gerne unternehme, denn mein heutiges Dinner findet im "la vie" statt, welches sich in ebendieser Altstadt befindet.

Ich überschätze die Dimensionen Osnabrücks maßlos und stehe nach nicht einmal 5min Fußmarsch und 30min zu früh vor dem Drei-Sterne-Restaurant "la vie". Nicht nur verspätete, sondern auch verfrühte Gäste sind unhöflich, so dass ich an diesem milden November-Abend in der Bierstraße ein Osnabrücker Pils trinke. "When in Rome, do as the Romans do." Die Wirtin erklärt ihre Lokalität stolz zur "ältesten Kneipe Osnabrücks".

Bierstrasse

Osnabrücker Pils

Nach dem erfrischenden Pils nehme ich im la vie Platz. Thomas Bühner beschreibt seine Küche im La Vie als "Aromenküche". Ich bin gespannt, wie sich diese Aromen heute Abend auf meinen Tellern widerspiegeln werden. Natürlich genieße ich einen Rosé Champagner als zweiten Aperitif. Ein schöner Kontrast ist das zum herben "Pre-Aperitif", dem Osnabrücker Pils.

Ich erhalte geschwind die ersten Snacks. Diese sind die allerbesten Snacks, die ich auf dieser Reise bisher erleben durfte (bis auf die Optik im Amador) und sind kaum mehr als Snacks zu bezeichnen.

Punktesystem nach Schulnoten der Oberstufe:  
15P = 1+, 14P = 1, 13P = 1-, 12P = 2+, ...  

Wir starten mit einem Rote-Beete-Cracker, unter dem sich Herings-Kaviar verbirgt. Dieser schmeckt sehr schön jodig und der Cracker darüber ist das beste Rote-Beete-Produkt, das mir wohl je untergekommen ist. Sehr intensiv, genau richtig süß, wenig sauer, wunderbar. So muss Rote Beete sein! 15P.

Rote Beete

Ebenfalls vor mir steht ... tja. Ich kann die einzelnen Zutaten gar nicht mehr aufzählen, was mir aber im Gedächtnis eingebrannt ist, ist ein wunderbares Orangen-Aroma. Herrlich frisch und herb. 14P.

Orange

Als dritter Snack steht eine Art Algen-Kropek mit einer Gelee vom Tintenfisch vor mir. Der Cracker hat eine knupsrig leckere Konsistenz und asiatische Aromen sind deutlich zu erkennen. 14P.

Algen-Kropek

Was für ein genialer Auftakt! Man spürt schon deutlich die "Aromenküche" von Thomas Bühner. Ich bin ganz nervös ob dem, was kommt, und bestelle noch ein Glas Champagner, um meine Nerven zu beruhigen.

Der erste Gruß aus der Küche erreicht mich, nämlich eine herrlich pochierte Gillardeau Auster, dazu Gurke und Dill. Die Auster selbst, wie gesagt, sehr fein. Gurke und Dill selbst ein alter Hut, aber immer wieder lecker. Schön machen sich die Senfkörner und als echter Kick, zwei kleine Plättchen Oliven, die der ganzen Frische etwas salzig-herbes entgegensetzen. Lediglich an der Optik des Schäumchens lässt sich etwas bemängeln. Einfluss auf den Wohlgeschmack hat dies aber nicht. 14P.

Auster

Die Küche fährt fort mit Dorade Royal, hier in Form von Sashimi. Als süß-sauren Kontrapunkt zum Sashimi in toller Qualität gibt es Tupfer von der gereiften Khaki, außerdem zwei kleine, intensive Würfelchen von der dehydrierten Kartoffel. Wesentlich aber auch die meerigen Zutaten, eine Vielzahl von Algen und ein wenig Kaviar. Zusammen ergibt das ein herrliches Spiel von verschiedenen Aromen und ich habe hier nicht das Gefühl, dass das Sashimi durch die weiteren Komponenten völlig überlagert wird, wie es im Schloss Berg der Fall war.

Dorade

Neben dem Teller wartet eine kleines, knuspriges Algen-Tempura darauf von mir genossen zu werden. Außerdem erhalte ich zur gewöhnlichen Brotauswahl eine Algen-Focaccia in riesenhaften Dimensionen. Wer soll das denn alles essen? Insgesamt: 14P.

Tempura

Focaccia

Es folgt nun der erste reguläre Gang, nämlich ein Petersfisch mit Pulpo. Der Saint Pierre kommt schier daher, ohne Röstnoten, schmeckt aber durch sanfte und perfekte Garung hervorragend. Die Deftigkeit erhält das Gericht durch den ebenso perfekt gegarten Pulpo, der sogar in der gehobenen Küche nicht immer perfekt gelingt. Kartoffelstampf und Kohlrabi (die Ringe sind roh und knackig) machen sich ebenso fein. Das ist ein ganz toller Teller! 15P.

Petersfisch

Bisher überzeugte alles, was an meinen Tisch kam, auf ganzer Linie. Wie kann sich die Küche halten? Ich freue mich auf Hummer mit Hummerbolognese, Seeigel und Burrata. Ich überlese Bolognese und Burrata in der Karte und denke durch Uni an ein japanisch orientiertes Gericht. Stattdessen folgt ein "italienisches" Pastagericht, dazu Hummer. Links tatsächlich ganz gewöhnliche Rinderbolognese (vielleicht mit Hummerfond gekocht?), Nudeln und ein Stück Burrata. Rechts ein vernünftig, aber nicht perfekt gegarter Hummer (weit weg von der Perfektion im Schloss Berg). Wo ist der Uni, der Seeigel? Der Service klärt auf: er versteckt sich verarbeitet im Sößchen, denn erkennbaren Seeigel "lassen neun von zehn Gästen unangerührt stehen". Ich bin enttäuscht. Der Teller schmeckt insgesamt aber gar nicht verkehrt. Nur die Rinderbolognese stört mich als Komponente wirklich. Damit kann ich nichts anfangen. 9P.

Hummer

Naja, jedes Menü scheint seinen Schwachpunkt zu haben. Ich bin trotzdem guter Dinge und freue mich auf den nächsten Gang Rosa Taubenbrust "Thai Style". Die Taubenbrust ist Sous-Vide gegart und kann besser nicht sein. Das ist die beste Taube, die ich auf meiner Reise bisher genießen durfte. Darunter ein Glasnudelsalat "Thai Style" und ein Ragout von der Keule. Ein vorzüglicher Genuß. 14P.

Taube

Nun erhalte ich als Zwischengang einen Trüffelravioli. Dieser wird auf einem Löffelchen gereicht und ist im ganzen zu verspeisen, denn innen befindet sich eine ganz hervorragende, süffige Flüssigkeit, bei Bühner "liquid" genannt. Dazu gibt Quitte schöne Säure und Süße. Sehr lecker und schade, dass es nur ein "Haps" war. 14P.

Trüffelravioli

Ich freue mich nun auf Kanadisches Bison, Filet und Bäckchen als Hauptgang. Das Filet ist ein ziemlich großes Stück und wird ebenso Sous-Vide gegart, so dass es unfassbar zart wird. Dennoch: Sous-Vide macht zwar zart und bewahrt die Aromen und die Flüssigkeiten, aber eine ganz klassische Zubereitungsart, wie beim Rehrücken im Bareiss gefällt mir irgendwie besser. Brokkoli, Schafskäse (kleine Käsekuchenartige Würfelchen) und Chermoula (eine nordafrikanische Marinade aus Knoblauch und Koriander) machen den Gang deftig gut. Das Bäckchen (links oben als Quader) macht sich sehr gut zum Filet. Zusammen genossen ein zart-geschmeidig-fleischiger Genuss. 14P.

Bison

Damit gehen wir über zu den Käse- und Nachspeisen. Als Käsegang erhalte ich nun Fermentierte Karotte. Zu den gelben Rüben gesellt sich ein Eis von Brie des Meaux. Ich bin Käsegängen, die nicht als klassische Auswahl vom Käsewagen daher kommen, stets skeptisch gegenüber eingestellt. Wie wird es heute? Furchtbar! Ich nehme einen Bissen vom Eis und von der fermentierten Karotte und bekomme ihn kaum herunter. Das schmeckt einfach wirklich fies vergoren und dazu auch noch ein Käse-Eis... Ich lasse bis auf den einen Bissen den kompletten Teller stehen. Dabei sieht er ja wirklich apart aus und das Gericht ist sicherlich auch handwerklich von herausragender Qualität. Aber kostet das denn überhaupt jemand in der Küche? Ich kann leider gar nichts damit anfangen, obwohl ich mich wirklich mit ziemlich vielen, neuen Geschmackskombinationen anfreunden kann. 0P.

Karotte

Als Überleitung zum eigentlich Dessert erreicht mich nun erneut eine erstaunliche Kombination, nämlich Karamellisiertes Schwein mit geräucherter Pflaume. Die Pflaume (Sorbet / Creme) schmeckt süß mit leichtem Raucharoma. Und die gepoppte Schweineschwarte gefällt mir auch gut. Witzigerweise auch in der Kombination. 11P.

Schwein

Nun erhalte ich das Hauptdessert, dessen Präsentation mich schmunzeln lässt. Eine ganze Petersilienwurzel. Dazu schwarzer Knoblauch "dreckig" auf dem Tellerboden, als sei die Wurzel direkt der frischen Erde entrissen. In der Wurzel selbst findet sich ein erfrischendes Limettensorbet. Wirklich witzig und wohlschmeckend. 12P.

Petersilienwurzel 1

Petersilienwurzel 2

Zum Abschluss erhalte ich noch einen kleinen Sorbet-Shot, einen feinen, schokoladigen Lolli, Pralinen und eine Art Apfelring (lecker!).

Süßer Abschluss 1

Süßer Abschluss 2

Etwas später bekomme ich noch etwas zum Spielen. Den "La Vie Kaugummiautomaten" mit Mandeln gefüllt. Das ist witzig, aber die Mandeln ... naja.

IVideo vom Kaugummitautomat

Wow! Was für ein toller Abend. Bis auf die fermentierten Karotten (aber das mag eher an meinem subjektiven Geschmack liegen), war jedes Gericht auf exzellentem Niveau mit wenig Schwankungen. Dennoch: im Gedächtnis bleiben doch immer die 15P, von denen ich mir heute mehr gewünscht hätte.

Subjektive, zusammenfassende Bewertung

Gerichte mit 15P zählen doppelt.  
GewichtungØ Punkte
Snacks 0,25 14,50
Grüße aus der Küche 0,5 14
Vorspeisen 2 13,40
Hauptspeisen 1 14
Nachspeisen 1 7,67
Service & Ambiente 1 11
Gesamtwertung 12,19P -> 12P

Informationen zum Restaurant

Restaurantla vie
Websitewww.restaurant-lavie.de
KüchenchefThomas Bühner
AdresseKrahnstraße 1-2, 49074 Osnabrück
Datum des Besuchs
Guide Michelin* * *
s Bewertung12P