The Clove Club - Hip, aber auch den Stern wert? (9P/15P)

Ein paar englische Jungs haben aus einem Supper Club, ein echtes Restaurant entwickelt, nämlich den Clove Club. Wo sie früher in verlassenen Bürotürmen oder Lagerhallen "Foodevents" veranstalteten, betreiben sie nun in der alten Shoreditch-Townhall ihr Lokal. Der Clove Club verkauft wie bei einem Konzertbesuch feste Tickets für das gesamte Menü, die im Voraus zu bezahlen sind. Welche Performance erwartet uns heute Abend?

Snacks

Es geht los mit einem kleinen Hummersalat, serviert in kleinem Gebäck und mit einer fein abgeschmeckten Cocktailsauce bedeckt. Ein sehr gefälliger Snack zum Auftakt, der in seiner Deftigkeit gut zum Lagerbier passt, den wir als Aperitif trinken. 9P.
Hummersalat

Anschließend folgt eine Art Signature-Snack vom Clove Club: Chicken McNuggets mit Tannenaroma im ausgebackenem Teig. Hier muss man sagen, dass das ein wirklich guter Snack ist. Technisch ist nichts zu bemängeln, ich erkenne tatsächlich gewisse Tannenaromen oder zumindest bilde ich es mir ein. Dennoch bleibt es ein ChickenMcNugget. Und ich weiß selber nicht, ob ich das jetzt als Kritik am Clove Club meine oder als Lob an McDonald's. 10P.
Chicken McNuggets und Teigbällchen

Als abschließender Snack wird dann ein Babymaiskolben serviert, der in der eigenen Schale auf Holzkohle gegrillt wurde. Die Schale wirkt dann als natürliche Alufolie, die den Kolben schonend gart und gleichzeitig dem Mais die Möglichkeit gibt ausreichend Grillkohlenaromen aufzunehmen. Eine witzige Idee, ein schönes Grundprodukt und eine sehr gute Ausführung, allerdings ohne Wertung, da es für mich zu weit weg vom Kochen ist.

Gegrillter Babymais

Englischer Senf

Es geht weiter mit dem ersten Gang, nämlich eine geflämmte Makrele aus Cornwall mit Gurken und englischem Senf. Ein schöner Start mit frischer und gleichzeitig rauchiger Makrele - ein derzeit sehr beliebter Fisch, auch bei mir. Oder sollte man eher sagen: ein wiederentdeckter Fisch? Dazu gefällt mir der englische Senf außerordentlich, der zwar fies-gelb nach amerikanischem Industriesenf ausschaut, aber ein hervorragendes, scharfes Senfaroma hat. Ein stimmiges Gericht. 10P.
Geflämmte Makrele aus Cornwall mit Gurken und englischem Senf

Jakobsmuschel mit australischen Trüffeln

Es geht weiter mit dem Signature-Dish: Rohe Jakobsmuschel aus Orkney (Schottland). Dazu gibt es eine Art Klementinen-Relish mit knackigen Haselnüssen obenauf und getoppt mit rohen Scheiben von einem Champignon-Pilz guter Qualität. Alles ruht auf einem pechschwarzen Püree aus Trüffel aus Manjimup, eine Kleinstadt in Australien, in deren Nähe auch im Sommer aromatische Trüffel gefunden werden können.

Ein polarisierendes Gericht, denn es ist zuerst einmal recht schleimig. Natürlich durch die rohen Pilgermuscheln, aber eben auch verstärkend durch das Trüffelpüree. Die einzigen texturgebenden Elemente sind die Haselnüsse. Wer sich also darauf einlassen kann, dem wird das Gericht gefallen. Mir jedenfalls gefällt es, da es Säure und Frische durch die Klementinen, Süße und weitere Frische durch die Jakobsmuscheln und Erdigkeit durch Trüffel und Champignons vereint und gut abgeschmeckt ist. Wer allerdings Probleme mit der Schleimigkeit hat, für den wird dieser Teller eine große Überwindung sein. Ich gebe 11P.

Jakobsmuschel aus Orkney, Schottland mit Haselnuss, Clementine, Manjimup Trüffelpüree, Champignons

Sommerkräuter

Anschließend eine zugängliche Brühe aus Sommerkräutern mit ein paar wunderbaren, frischen Erbsen als Einlage. Schön gemacht, aber doch recht unspektakulär. 8P.
Sommerliche Kräuterbrühe

Wolfsbarsch "organic"

Der sehr freundliche und professionelle Service serviert einen Holzkohle-gegrillten Wolfsbarsch. Nebenan liegt eine fruchtig-aromatisierte, gegrillte Bio-Aubergine. Wobei ich mich frage, wieso dieser Fakt hier so betont wird und inwiefern dies für das Gericht wichtig wäre? Dazu gibt eine Art Salsa aus grünen Tomaten. Ein recht sommerliches Gericht, aber auch wenig differenziert. Der Wolfsbarsch selber ist von guter Qualität aber nicht herausragend gegrillt - nach meiner Vorliebe könnte er glasiger sein. 8P.
Holzkohle-gegrillter Wolfsbarsch mit Aubergine (organic) und grünen Tomaten

Tacos

Nun kündigt ein sympathischer, junger Engländer sein Lieblingsgericht des heutigen Menüs an und serviert Buchweizenpfannkuchen mit Hühnchen aus Lincolnshire und Langer Pfeffer. Das klingt interessant und entpuppt sich als Wrap oder Taco. Ein süffiges Hühnchenragout, dazu wunderbar knusprige Haut (ich glaube, dass es keine Haut vom Huhn, sondern Schweinehaut war) und ein paar spritzig-frische Zwiebelchen werden mit dem schwarzen Pfannkuchen eingewickelt und mit zwei "Happs" verspeist. Das Gericht kombiniert gut Textur der Haut, Säure und Frische der Zwiebeln und Salzigkeit und Wärme des Ragouts. Der Pfannkuchen selbst verbindet die Elemente. 9P.
Buchweizenpfannkuchen mit Hühnchen aus Lincolnshire und Langer Pfeffer

Einhundert Jahre alter Madeira

Es folgt eine Überleitung zum Hauptgericht, nämlich eine Entenconsommé, und zwar im Rotweinglas serviert. Bevor das heiße, intensive Gebräu aber in die Gläser gefüllt wird, kredenzt man verschwörerisch einen mehr als Einhundert Jahre alten Madeira. In meiner Fantasie sehe ich einen stolzen, englischen Dreimaster die Fässer nach Europa transportieren. Ein Zeugnis der mächtigsten Handelsflotte der Welt. Leider fuhren 1916 schon hauptsächlich Dampfer und der englische Stern war bereits am Sinken. Anyway. Man erhält einen Schluck Madeira, darf ein wenig probieren und lässt den wunderbaren Wein die Glaswand benetzen und genießt zusammen mit der Entenconsommé einen stimmungsvollen Zwischengang. Eine schöne Idee, simpel, aber doch effektiv. Aber auch hier bleibt kein nachhaltiger Geschmackseindruck in Erinnerung. 11P.

Entenconsommé mit 100 Jahre altem Madeira

Challans-Ente

Nun das erste Hauptgericht, eigentlich das einzige Gericht, das heute Abend wirklich überzeugt, nämlich Challans-Ente, die durch 21 tägige Reifung intensiv, aber doch zart und fest im Mund ist. Dazu trägt sicherlich auch die hervorragende Garung bei, die das Fleisch saftig lässt und gleichzeitig die fein gekräuterte Haut anknuspert.

Dazu gibt es die genau richtige Menge eines nicht zu süßen Rote-Bete-Mousse´ sowie intensiv geröstete junge Zwiebel und fermentierter Kohl (die Stäbchen). Alles wird durch schwarze Johannisbeere (als Sauce) verbunden.

Ein sehr stimmiges Gericht,mit einem schönen Spiel von Süße, Säure und Umami und einer klar-einfachen Präsentation. 12P.

21 Tage gereifte Challans-Ente mit fermentiertem Kohl, Rote Bete und schwarzer Johannisbeere

Jagdgesellschaft auf Downton Abbey

Zum Abschluss erhalten wir einen optionalen Gang, den wir natürlich bestellt haben! Wieso auch auslassen? Und zwar wird ein ganzes, frisch vom Himmel geschossenes Raufußhuhn serviert. Wahrscheinlich erschossen während der Dreharbeiten zu Downton Abbey.

Die Bezeichnungen der Fauna sind manchmal sehr treffend. In diesem Fall erkennt man tatsächlich auf dem Teller den rauen Fuß des Wildhuhns: ein paar zerzauste Federn am Fußende. Und so schmeckt das ganze auch. Stark nach Wild, knochig und wenig zart. Wahrscheinlich hat der Clove Club das Beste aus diesem zerrupften Huhn gemacht, was man machen kann. Dazu gab es Holunderbeerensirup, eine süffige Brotsauce und knusprige Pommes in Gitter-Form. Aber der Hauptdarsteller, das Huhn selbst, ist wirklich nur etwas für Liebhaber. 7P.
Auerhuhn, Holunderbeeren und Brotsauce

Déjà-vu

Nach diesem erstaunlichen letzen Hauptgang wird endlich das erste Dessert serviert. Ein Aprikosensorbet mit angebranntem Honig, gerösteter Mandel und Blütenpollen...

Wenn ich mir dieses Dessert genau ansehe und auch probiere, dann komme ich nicht umhin festzustellen, dass ich dieses Dessert kenne!

Und zwar sieht das doch stark nach dem "Naranjo en flor" aus dem Mirazur aus. Man vergleiche und lese meinen Bericht. Nur wird im Clove Club die mediterrane Orange durch Aprikose ersetzt und durch Blütenpollen ergänzt. Aber der grundlegende Aufbau bleibt identisch: ein frisch, säuerliches Sorbet als Grundlage, getoppt mit einer leichten Creme und als Texturgeber ein knusprig-leichter Deckel. Dazu finden sich bei beiden Gerichten Mandeln.

Und hier zeigt sich die eigentlich Schwäche vom Clove Club, nämlich die Ausführung. Während die Idee im Mirazur und im Clove Club gleich ist, schafft es nur das Mirazur, eine nahezu perfekte Nachspeise zu kreieren, während mir die Nachspeise im Clove Club niemals im Gedächtnis geblieben wäre, gäbe es nicht die frappante Ähnlichkeit mit dem "Naranjo en flor". Und dabei finde ich das Abkupfern an sich gar nicht mal so schlimm. Aber bitte auch die Exzellenz der Ausführung kopieren! 7P.

Aprikosensorbet mit angebranntem Honig, gerösteter Mandel und Blütenpollen

Schließlich noch ein paar Petit Fours und ein herb-frisches Champagner-Jelly mit Sommerfrüchten.
Champagnerjelly und Sommerfrüchte

Subjektive, zusammenfassende Bewertung

Auch wenn die Einzelwertungen der Gerichte einiges Potential nach oben haben und ich nicht nachvollziehe, wieso es mit einem Stern im Guide Michelin bewertet ist, kann ich nicht sagen, dass es mir im Clove Club gar nicht gefallen hat. Hierzu zählt zum Einen der wunderbare, junge, coole Service und der nette "Club", also der Gastraum an sich. Und zum Anderen die durchaus "witzigen" Gerichte. Das Raufußhuhn war sicherlich keine kulinarische Offenbarung, aber warum nicht probieren? Und auch der Einsatz vieler englischer Produkte gefällt mir. Man muss sich selbst ein Bild machen!

Gerichte mit 15P zählen doppelt.  
GewichtungØ Punkte
Snacks 0,25 8,00
Vorspeisen 2 9,50
Hauptspeisen
1 8,5
Nachspeisen 1 7
Service & Ambiente 1 13,00
Gesamtwertung 9,43P -> 9P

Informationen zum Restaurant

RestaurantThe Clove Club
Websitethecloveclub.com
KüchenchefIsaac McHale
AdresseShoreditch Town Hall, 380 Old St, London EC1V 9LT, Vereinigtes Königreich
Datum des Besuchs
Guide Michelin*
s Bewertung9P